Kürzlich ereilte mich ein Schicksalsschlag. Einer, bei dem es um Tod, Trauer, Schmerz geht. Einer, den ich mit vielen anderen Menschen teile. Einer, der in unserer Leistungsgesellschaft keinen Raum hat. Ich wusste, dass solche Dinge passieren. Ich wusste, dass es jeden treffen kann. Ich wusste, dass ich keinen Einfluss darauf habe. Dennoch traf es mich völlig unvorbereitet, völlig schutzlos und ich merkte, ich wusste gar nichts. Nichts über Tod. Nichts über Trauer. Über Schmerz schon ein bisschen, aber dies war eine andere Art von Schmerz. Die Art Schmerz, die nie vergeht. Endgültig.
Ich teilte meinen Mitmenschen mit, was geschehen war. Ich hatte die langersehnte Schwangerschaft verkündet und nun musste ich deren Ende verkünden und ich bekam Mitgefühl und Anteilnahme von unerwarteter Seite. Menschen, mit denen mich sonst nichts verbindet, schrieben mir, fragten nach mir, waren da für mich. Auch wenn es schwer fällt, sich mit dem Leid anderer zu beschäftigen, so wissen wir doch alle intuitiv, dass der Leidende Menschen braucht, die ihn stützen, ihm beistehen, ihn sehen, den Schmerz sehen und respektieren. Es braucht dazu eigentlich gar nicht viel. Eine kurze Nachricht reicht oft schon. Sie zeigt schon 'ich sehe dich, ich sehe dein Leid'. Tatsächlich geht es mir zumindest meist nur darum: gesehen werden.
Immer wieder wenn es mir schlecht geht und ich meinem Mann mein Herz ausschütte, sucht er nach Lösungen und immer wieder sage ich ihm, das brauchst du nicht. Ich möchte nur, dass jemand weiß, wie es mir geht. Du sollst mich sehen. Ich muss mich nur mitteilen, aussprechen oder auch aufschreiben, um loszulassen, sein zu lassen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, nicht wahr?! Wenn du mir zuhörst, wenn du mich siehst, wenn du meine Gefühle kennst und respektierst, geht es mir schon gleich viel besser. Und mein Mann lernt. Er lernt zuhören. Er lernt schweigen. Er lernt verstehen. Hin und wieder sagt er mal 'ich an deiner Stelle würde nun dieses oder jenes tun' und das ist okay, denn er will helfen und respektiert dennoch, dass ich was anderes brauche.
So muss es sein, nicht wahr? Mein Mann muss für mich da sein. Da sind wir uns doch einig. Es gibt Menschen in unserem Leben, von denen ganz selbstverständlich erwartet wird, dass sie in schweren Zeiten für uns da sind, dass sie uns beistehen, uns aufbauen, uns zuhören. Menschen, mit denen wir alles Schöne in unserem Leben teilen, sollen auch in den schweren Momenten da sein. Seien es Familie oder Freunde, wir erwarten es. Ich denke, niemand wird mir widersprechen. Unsere Moral sagt uns, so muss es sein. Die Realität allerdings zeigt, dass es nicht so ist. Ich erwartete, dass die Menschen, denen ich viel Raum in meinem Leben gebe, auch bei diesem Schicksalsschlag an meiner Seite stehen, dass sie mein Leid sehen, dass sie mich sehen. Aber in der Wirklichkeit wenden Menschen sich ab. Sie möchten den Tod nicht sehen, die Trauer, den Schmerz. Und deshalb möchten sie mich nun auch nicht sehen.
Ich schrie meinen Schmerz hinaus. Ich dachte, sie haben mich vielleicht nicht gehört. Sie haben es vielleicht nicht verstanden. Doch je lauter ich schrie, desto weiter entfernten sie sich und ich verstand, Erwartungen klingen in der Theorie ganz gut, sind in der Praxis aber äußerst fragil.
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