Ich sitze mit dem Assistenzarzt in einem winzig kleinen Raum und er klärt mich auf. Über eine Ausschabung, die Komplikationen, die aber nur ganz, ganz selten auftreten. Ich kenne diesen Text schon. Höre ihn nicht zum ersten Mal. Fast wortwörtlich hat mir dies alles schon einmal ein Assistenzarzt runter gebetet. Es war vor 9 Monaten im Raum nebenan. Die Worte haben sich mir eingebrannt. Dann nennt er mir eine Uhrzeit am nächsten Vormittag. Ein paar Stunden später sei alles wieder in bester Ordnung. – ‚Nein! Ich brauche Zeit, um mich von meinem Kind zu verabschieden.‘ – ‚Aber, Frau W., morgen ist dann alles erledigt und um diese Uhrzeit sind Sie wieder zurück in Ihrem Leben…‘ – ‚Nein!‘ Er redet weiter auf mich ein. Mir schwirrt der Kopf. Ich brauche Zeit. Die letzte Zeit, die mir mit meinem Kind bleibt. Ich brauche diese Zeit. Er ist fest überzeugt zu wissen, was das Beste ist.
Nach der OP fahr ich heim. Lege mich hin. Ruhe mich aus. Der Schmerz ist immer präsent. Das Wissen über die Leere in meinem Bauch schmerzt stärker als man je ahnen könnte. Aber da ist noch der physische Schmerz. Er wird stärker. Immer stärker. Da stimmt etwas nicht. Ich spüre es genau. In der Notaufnahme sitzt mir nun eine junge Ärztin gegenüber. Verächtlich erklärt sie mir, dass man in jeder Apotheke beliebiges Schmerzmittel kaufen kann. Ich fahre heim. Sie weiß es schließlich besser.
Ein paar Stunden später fahre ich in die selbe Notaufnahme. Zum Schmerz gesellte sich hohes Fieber. Der selbe Raum wie vorhin , aber es war Schichtwechsel. Nun sitze ich einem anderen Arzt gegenüber. Er hört mir zu und untersucht mich. Ich sehe, wie er seine Stirn in Falten legt. Ich höre, wie er mit der Krankenschwester flüstert. Ich sehe, was er im Ultraschall sieht und ich verstehe es. Dies sind die zerstückelten Überreste meines Kindes. Sie sind dort. In meinem Bauch. Nicht mehr als Mensch erkennbar, aber ich als Mutter erkenne mein Kind sofort. Ich gehe im Kopf die runter geleierten Worte der Assistenzärzte noch einmal durch und ich verstehe. Diese sehr selten auftretenden Komplikationen – sie passieren. Sie passieren jetzt gerade. Genau in diesem Moment. In meinem Körper.
Mein Kind wurde noch nicht beerdigt und meine Mutter drängt mich. ‚Du musst das Hagelkorn an deinem Auge operieren lassen. Ich weiß wirklich nicht, warum du es so hinauszögerst. Soll es dein Auge entstellen? Soll sich daraus ein Tumor bilden? Du musst das jetzt operieren lassen!‘ Ich kann ihr darauf nicht einmal antworten. Mir fehlt schlicht die Kraft dazu. Ich habe mich noch nicht von den letzten Operationen erholt. Weder physisch, geschweige denn psychisch und sie will – nein, sie fordert – dass ich mich sofort wieder unters Messer lege. Ich schaffe das nicht. Ich habe Angst davor, aber vor allem fehlt mir die Kraft.
‚Ihre Gebärmutter erholt sich nicht. Sie bildet keine neue
Schleimhaut. Sie müssen dies trinken und jenes einnehmen und Sie müssen alle 14
Tage zur Behandlung herkommen. Nein, die Krankenkasse zahlt dies nicht. Aber Sie
müssen das jetzt tun. Sie müssen Schleimhaut bilden und nur ich kann Ihnen
dabei helfen. Wenn Sie nicht zu mir kommen, werden Sie nie wieder Kinder bekommen.‘
Bähm. Voll in die Fresse. Ich liege ja ohnehin schon am Boden. Bitte, tretet
doch alle noch einmal nach. Wer will noch mal? Wer hat noch nicht?
Und dann stehe ich im Schuhgeschäft. Ich möchte meiner Tochter Schuhe kaufen und da kommt sie angerauscht, greift sich meine gesamte Auswahl und räumt sie zurück ins Regal. ‚Auf keinen Fall solche Sneaker. Ihr Kind braucht Lauflernschuhe und die Größe 24 ist sowieso völlig verkehrt. Ihr Kind hat Größe 22. Sehen Sie, hier, diese mit den rosa glitzernden Herzchen sind perfekt. Das dort sind Jungenschuhe. Die können Sie ihr nicht anziehen.‘ Das ist der Moment. Der Moment, in dem ich schreie. (Nur innerlich natürlich. Ich stehe schließlich mit meiner 2-jährigen Tochter in einem Schuhgeschäft.) Alle Wut, alle Ohnmacht, alle Trauer, alle Fassungslosigkeit. Ich schreie alles hinaus…
und kaufe Sneaker für Jungs in Größe 24.
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