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Trost

 

 

Das kleine Kind läuft, fällt und weint. Sofort ruft jemand „Alles ist gut!“ oder „Ist doch nichts passiert!“ Bei meiner Tochter gern genutzt werden Sätze wie „Komm, wir holen dir schnell ein Eis.“ und „Möchtest du einen Lutscher?“ Sobald ein Kind weint, wollen wir es ablenken. Den Schmerz wollen wir relativieren. Den Fokus auf etwas Positives lenken.

 

Ich habe zwei Kinder verloren. Ich durchlebte den größten Schmerz und wie reagierten meine Mitmenschen? Sie wollten mich ablenken. Klingt ziemlich hart, aber tatsächlich versteckt sich dieses Ablenken wollen unter dem wohlwollenden Worten „Trost spenden“. Das Prinzip ist exakt dasselbe.

Der Schmerz wird relativiert:

·         „Das war ja noch kein richtiges Baby.“

·         „Gut, dass es so früh passiert ist.“

·         „Vermutlich wäre es schwer krank gewesen und euch ist Leid erspart geblieben.“

 

Der Fokus soll auf etwas Positives gelenkt werden:

·         „Ihr seid ja noch so jung. Ihr könnt ja noch viele Kinder bekommen.“

·         „Ihr habt doch eine gesunde Tochter. Seid dankbar!“

 

Wisst ihr, wie ich mich bei solchen Aussagen fühle? Ich fühle mich nicht ernstgenommen. Ich fühle mich im Stich gelassen. Unverstanden. Falsch. Die Trauer ist immer noch da, aber ich schlucke sie herunter und trage sie alleine weiter für den Rest meines Lebens.

 

Und dann kam die Erkenntnis. Meine Mitmenschen sind nicht gemein. Sie sind nicht kaltherzig. Das ist einfach die Art von „Trost spenden“, die man uns von klein auf entgegengebracht hat, uns beigebracht hat, uns vorgelebt hat. Schmerz, Trauer und auch Wut durften nie Raum einnehmen, durften nie durchlebt werden. Wir mussten von klein auf jedes negative Gefühl runterschlucken und nun sind wir alle voll davon.

 

Wenn meine Tochter also mal fällt, dann gehe ich zu ihr. Wenn sie weint, weine ich mit ihr. Wenn sie wütet, dann höre ich ihr Schreien. Wenn sie traurig ist, dann trauer ich mit ihr. All diese Gefühle sind da und sie müssen gefühlt werden. Meine Tochter soll lernen, dass sie mit ihrem Leid nicht allein ist. Egal wie nichtig es für einen Erwachsenen auch scheinen mag. Ich möchte ihr zeigen, dass Leid, wenn es geteilt wird, zwar nicht verschwindet, aber leichter zu tragen ist.

 

Diese negativen Gefühle sind da. Sie gehören zu unserem Leben unweigerlich dazu. Durch unser Reagieren auf sie, können wir sie nicht aus dem Leben verbannen. Das einzige, was wir beeinflussen ist allerdings, ob sich der Leidende von uns gesehen und ernstgenommen fühlt oder eben nicht. Helfen wir unseren Mitmenschen ihr Leid zu ertragen oder zwingen wir sie, ihr Leid runterzuschlucken und alleine zu schleppen?

 

„Weint mit den Weinenden!“ Römer 12,15

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