Aufgewachsen in einer streng religiösen Gemeinschaft hatte ich nie Raum für Individualismus. Jeder Aspekt meines Lebens war geregelt. Ganz ausführlich betraf dies die Kleidung: der Rock muss mindestens die Knie bedecken. Keinen Gehschlitz, keine Rüschen, keine Asymmetrie. Die Schultern müssen immer verdeckt sein. Der Bauch ganz selbstverständlich auch. Brust, Taille, Hüften – nichts darf die Aufmerksamt anderer wecken. Kein Make-up, das Haar zu einem strengen Knoten hochgesteckt. So sah ich aus als Teenager, dann als Jugendliche. Die Freizeit war durchgeplant. Montags übte man ein Instrument, Dienstags im Kirchenchor. Mittwochs traf man sich zum Bibel lesen, Donnerstags zum gemeinsamen Gebet. Freitags das ganze noch einmal mit der entsprechenden Altersgruppe. Am Wochenende dann natürlich mehrere Gottesdienste. Als Mädchen beschäftigte man sich selbstverständlich mit kochen, backen, nähen und beim Hüten der jüngeren Geschwister erlernte man ganz nebenbei das Mutter Sein. Das sei nämlich der ganze Sinn und Zweck im Leben einer jeden Frau.
Ich fügte mich, tat wie mir geheißen, kannte ja nichts anderes. Ich hasste es zu kochen und Kleinkinder und Babys noch viel mehr. Ich interessierte mich für die Politik, Naturwissenschaften und war sehr gut in Mathematik. Alles ganz nett, aber ich war schließlich ein Mädchen und mein Weg musste mich unweigerlich an den Herd führen. Daran wurde ich immer und immer wieder erinnert. Und ich hörte und tat, was man mir sagte. Ich wollte ein guter Mensch sein. Ich wollte meinen Zweck erfüllen. Und je mehr ich mich bemühte, und je mehr ich ermahnt wurde, desto mehr entfremdete ich mich von mir selbst.
18 Jahre alt und das ganze Leben lag mir zu Füßen. Alles war mir möglich. Ich war frei. Frei von allen Regeln und Erwartungen. Frei von allen, die mir Vorschriften machten. Frei von allen, die ich enttäuschen könnte. Ich war 18 Jahre alt und völlig allein. Ich lernte das Leben ganz neu kennen. Ich probierte alles aus. Ich erfand mich selbst ganz neu. Ich ging in Clubs, tanzte, flirtete, trank Alkohol. Ich entdeckte meine Sexualität, meinen Körper und welche Wirkung ich damit erzielen könnte. Ich studierte, fand Freunde und war ein extrovertierter, selbstbewusster, lebenslustiger Mensch. Nebenbei beendete ich das Studium und fand einen Job, den ich liebte und mir endlich auch die finanzielle Freiheit brachte. Doch mit der Zeit merkte ich, dass völlige Freiheit völlige Ungewissheit mich sich bringt. Mir fehlte das Ankommen, die Sicherheit, das Zuhause.
Am Bahnhof stand er da. So groß, so gutaussehend, so anziehend. Ich wusste es sofort. Dieser Mann ist mein Zuhause. Ich sprach ihn an. Wir trafen uns immer wieder und verliebten uns. Wir zogen zusammen, bauten uns ein gemeinsames Leben auf. Ein paar Jahre später sind wir verheiratet, haben eine wunderschöne Tochter und zwei Hunde. Er versorgt die Familie. Ich kümmere mich um den Haushalt, das Kind und arbeite nur noch Teilzeit, obwohl ich meinen Job so sehr liebe. Sie ist da, die Sicherheit, die mir vorher fehlte. Aber bin ich auch angekommen? Ich bin Ehefrau, Mutter, Frauchen, Hausfrau, Teilzeitkraft in der Rechnungsabteilung (der Mathematik bin ich treu geblieben). Aber ich bin nicht ich. Und die Frage, die mich seit langem beschäftigt, ist, wer bin ich überhaupt? So weit ich mich zurück erinnern kann, spiele ich Rollen. Rollen, die man mir zugeteilt hat, die mir zugeflogen sind, die ich mir auferlegt habe. Aber vor all dem, als kleines Kind, bevor ich Erwartungen erfüllen, Freiheiten ausnutzen und Sicherheit ergreifen musste, wer war ich da? Es ist zu lange her. Es ist zu viel passiert. Es sind zu viele Narben. Ich erinnere mich nicht mehr an das Kind, das ich mal war. Ich erinnere mich nicht mehr, wer ich bin.
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